Viel mehr als bloß Radfahren

Eigentlich wollten Fritz Urban und seine drei Söhne nur Fahrräder bei „Westwind Hamburg“ am Kronsaalsweg (Stellingen) abgeben. Einen kleinen Beitrag leisten für Menschen, die deutlich weniger privilegiert sind. „Doch den Wunsch mich zu engagieren und etwas zurückzugeben, hatte ich schon lange.“ Also stieg der 46-Jährige noch am Tag der Fahrradabgabe mit ein. Seitdem ist der Flugzeug-Ingenieur einmal die Woche als Schrauber tätig. Endlich mal was „Echtes machen“.

Mit den eigenen Händen arbeiten – das ist für ihn ein guter Ausgleich. Und eine erfüllende Aufgabe. Im Blaumann steht Fritz in der großen Halle, dem „Schraublabor“, und werkelt an einem Mountainbike. Seit Anfang des Jahres ist er bei „Westwind“. „Sich zu engagieren, sehe ich als Notwendigkeit. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir Sorge haben müssen um unser friedliches Leben. Dieser solidarische Grundgedanke treibt mich an.“ Er erinnert sich noch genau an den Donnerstagnachmittag, als er mit seinen Söhnen (9, 12 und 14 Jahre) das erste Mal in der Werkstatt stand. Fritz fühlte sich direkt aufgehoben und zugehörig.

Fritz Urban von “Westwind” hat schon viele Räder wieder flott gemacht.

Zwar ist er kein Profi-Schrauber, aber mit Fahrrädern kennt Fritz sich aus. Schon als Kind reparierte er gerne Räder. Später waren es dann Motorräder. Und seitdem er Kinder hat, würden ihm seine drei Söhne ohnehin ständig kaputte Bikes vor die Nase stellen. Trotzdem gibt es ab und an auch Momente, die ihn überfordern. Seine größte Herausforderung war eine Sieben-Gang-Hinterradnabe. Mit der war Fritz stundenlang beschäftigt. „Das lag aber mehr an mir. Ich bin ja quasi noch in der Lehre“, sagt der ruhig wirkende Mann aus Wedel lachend.

Das Schönste sind für ihn die Ausgabetage. Normalerweise einmal im Monat. Momentan wegen der großen Nachfrage häufiger. Beim letzten Mal wurden 69 Räder (für 15 bis 50 Euro) ausgegeben. So viele wie noch nie. Dabei läuft es wie im Laden. Die Geflüchteten und Bedürftigen suchen sich ein Rad aus. Für viele ein besonderes Erlebnis. „Sie schauen sich in Ruhe um, machen Probefahrten, wir beraten.“ Manche hätten noch nie ein Rad besessen. Da müssen Fritz und seine Mitstreiter dann eine längere Einweisung machen.

Besonders berührt es den ehrenamtlichen Helfer, wenn Kinder und Jugendliche nach der Probefahrt strahlend zurückkommen. „Das ist für mich Antrieb genug.“ Zumal es für ihn nicht immer einfach ist, sein Engagement unterzubekommen – neben drei Kindern und seinem Job als Ingenieur bei einem Hamburger Flugzeugbauer. Da sitzt er den ganzen Tag am Schreibtisch und entwickelt elektrische Systeme für Kabinen. „Aber bei Westwind kann man auch mit wenig Zeit viel erreichen.“

Fast wie neu: Beim Ausgabetag fühlen sich die Kund:innen wie im Fahrradladen.


Der Verein entstand 2015. Als viele Menschen vor Gewalt, Terror und Krieg aus ihen Heimatländern flüchten mussten. Es ging darum, die Geflüchteten aus den häufig dezentralen Unterkünften mobil zu machen – damit sie am Leben in der Stadt teilhaben konnten. Die Hilfe begann mit zwei Mitgliedern. Den Gründern Christian Großeholz und Carmen Wilckens. Innerhalb kürzester Zeit stiegen Freiwillige mit ein. Heute sind es 26 Vereinsmitglieder. Eine Vollzeitstelle, zwei Teilzeitstellen und etwa 40 Ehrenamtliche.


Seit der Gründung hat der Verein ungefähr 2500 Räder ausgegeben. Und noch viel mehr angenommen. Die meisten Spenden sind in passablem Zustand. Manchmal seien die Räder aber auch extrem abgerockt. „Was schon auf dem Grund der Alster gelegen hat, können wir auch nicht retten.“ Allerdings werden alle Spenden angenommen. Es findet sich immer ein Ersatzteil, das die Schrauber noch gebrauchen können. Der Rest wird entsorgt. Etwa eine Tonne Stahlschrott kommt im Jahr zusammen.

Alle Farben, alle Größen: 2.500 Räder könnten schon erfolgreich übergeben werden

Neben der Ausgabe bietet ein Fahrradlehrer bei „Westwind“ Unterricht an. Größtenteils für Frauen aus arabischstämmigen Ländern, die noch nie gefahren sind. Vier bis fünf zehntägige Kurse im Jahr. Dafür soll die Lagerhalle in Stellingen jetzt zur Indoor-Übungsfläche umgebaut werden, damit die Fahrradkurse auch bei schlechtem Wetter stattfinden können.

Für Fritz, der die fast 19 Kilometer von Wedel bis zur Halle mit dem Rad fährt, hat sein Engagement nicht nur einen sozialen Hintergrund. „Das Thema Fahrrad ist super geeignet, um Nachhaltigkeit zu leben. Wie viele Räder stehen ungenutzt in Kellern oder Schuppen? Und mit wenig Aufwand hat man ein Produkt, das Menschen glücklich macht und für Jahre wieder nutzbar ist.“

Fritz hofft, mit seinem Engagement zum Nachdenken anzuregen. Über den eigenen Konsum und die Wegwerfmentalität. Mülltrennung, Heizen, Hausdämmung, regional einkaufen, Autofahren – Themen, die Fritz beschäftigen. Er versucht bewusst zu leben. Das eigene Verhalten hinterfragen und umstellen. Das ist ihm wichtig.

Fahrradketten, Helme und Schlösser

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung.

„Westwind Hamburg“ wünscht sich Ersatzteile wie Fahrradketten und Zubehör wie Helme, Schlösser und Schläuche. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung mit Fördermitteln aus dem „Haspa LotterieSparen“.

Die Haspa Eidelstedt wird Filialpate. „In Hamburg sollten alle ein Rad haben“, findet Filialdirektor Gunnar Off. „Nachhaltige Fortbewegung als gelebte Willkommenskultur – das überzeugt sofort.“

Von WIEBKE BROMBERG (Text)
und FLORIAN QUANDT (Fotos)

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