Verein holt Obdachlose von der Straße

Hier stellen wir regelmäßig soziale Organisationen vor, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Haspa LotterieSparen mit jedem Los unterstützen können. Heute geht’s weiter mit StrassenBLUES. Der Verein holt Obdachlose während der kalten Monate von der Straße und bringt sie in Hotels unter.

Kalter Wind fegt über die Stresemannstraße in Hamburg hinweg. Die Häuser verschwimmen an diesem Winterabend zu einer dunklen Wand. Es ist ungemütlich hier draußen. Paddy stapft durch die Dunkelheit und zeigt auf das Hotel bedpark: „Das ist für die nächsten vier Monate mein neues Zuhause“. Paddy ist obdachlos. Seit vielen Jahren lebt er auf der Straße. Sein Alltag ist durch Corona noch viel härter geworden. Bei der Suche nach einer Schlafgelegenheit, nach Pfandflaschen, Straßenspenden oder einem freundlichen Wortwechsel.

Die Aktion #hotelsforhomeless vom Verein StrassenBLUES ist ein Lichtblick für ihn. Der 53-Jährige gehört zu zwanzig Obdachlosen, die dank der Initiative über den Winter in einem Hotel unterkommen. Seine Augen wandern durch das Hotelzimmer und bleiben an dem frisch bezogenen Bett hängen. Sein warmes Lächeln blitzt unter der Maske hervor. „Das ist ein neuer Lebensanfang!“

Obdachlose ziehen ins Hotel

Für Nikolas Migut, Vorsitzender und Gründer von StrassenBLUES, sind das die schönsten Momente in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit: „Paddy hat durch die Unterbringung viel Kraft geschöpft, ist seine Probleme angegangen und nun auf einem guten Weg. Dass bestärkt uns, mit der Aktion weiterzumachen. Die obdachlosen Menschen sind so dankbar für ein Bett und fließendes Wasser im eigenen Bad. Aber vor allem haben sie hier die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Können so ihr Leben neu ausrichten.“

Und tatsächlich zeigen sich bereits positive Effekte: Ein Teilnehmer hat eine eigene Mietwohnung gefunden. Ein anderer konnte eine schlimme Beinverletzung auskurieren und so neue Kraft sammeln. Manche haben die Zeit genutzt, sich um Arbeit zu bemühen.

Paddy bezieht sein neues Zuhause und ist überglücklich: “Das ist wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl! Ich bin zwar noch wohnungslos, aber seit heute nicht mehr obdachlos.”

Stille Helden

Wenn man sich die schnellen Erfolge des kleinen Vereins in der Coronakrise anguckt, darf man ruhig etwas pathetisch werden: Zum ersten Lockdown im März war Nikolas Migut klar, dass sofort gehandelt werden muss. Die Lage für die Obdachlosen war katastrophal. Keine Einkünfte durch Betteln und kein Essen oder Unterkunft, weil die sozialen Einrichtungen geschlossen waren. Der Verein startete mit TV-Koch Tarik Rose und einem E-Lastenrad-Start-up die Auslieferung von Suppe.

Später folgte die Verteilung von Gutscheinen für Supermärkte und die Idee zu #hotelsforhomeless entstand. Auch wenn StrassenBLUES bisher nur 20 von rund 1.900 in Hamburg lebenden Obdachlosen unterbringen konnten: Es ist ein Anfang und zeigt, wie‘s laufen könnte.

Win-win-Situation

Für den 43–Jährigen hat das Projekt #hotelsforhomeless Modellcharakter und kann in vergleichbarer Form von der Stadt Hamburg übernommen werden. „Für die obdachlosen Menschen als auch für das Hotelgewerbe ist es eine Win-Win-Situation. Aufgrund der Corona-Auflagen stehen die Hotels leer – und die Obdachlosen benötigen dringend einen Schlafplatz. Davon profitieren beide Seiten.

Für das Projekt hat StrassenBLUES über 75.000 Euro Spenden mit der Plattform Gut-fuer-hamburg.de, die die Haspa zusammen mit Betterplace betreibt, gesammelt. Natürlich ist das nur eine kurzfristige Lösung für die Wintermonate. Eine Idee, um obdachlosen Menschen eine langfristige Perspektive zu geben, hat der Bergstedter aber auch schon parat: Aus #hotelsforhomeless wird #homesforhomeless.

Housing First-Initiative

Dieser Enthusiasmus fühlt sich in dieser merkwürdigen Zeit an wie ein frischer Wind. #homesforhomeless ist an das Modell „Housing First“ angelehnt und funktioniert so: Statt obdachlose Menschen provisorisch mit Notunterkünften und Lebensmitteln zu versorgen, erhalten sie eine Wohnung.

Die eigene Wohnung ist an keine Bedingungen geknüpft und dient als Schritt zurück in die Selbstständigkeit. In Finnland oder den USA wird dieser Ansatz bereits erfolgreich praktiziert. „Zusammen mit Experten*innen aus der Sozialarbeit sind wir dabei, ein Konzept für die Hansestadt auszuarbeiten“, erzählt der StrassenBLUES-Initiator nicht ohne Stolz.

Die Kraft des Storytellings

Knapp 50 Menschen plus Vorstand engagieren sich ehrenamtlich bei StrassenBLUES. Dabei setzt der Verein besonders auf’s Storytelling: „Wir erzählen in Videos und mit Fotografien die Geschichten hinter obdachlosen Menschen. Das baut eine emotionale Brücke und schafft Mitgefühl für die einzelnen Schicksale“, erzählt Nikolas Migut.

Tatsächlich können Menschen durch äußere Lebensumstände wie Trennung, Jobverlust oder gesundheitlicher Probleme schnell in die Obdachlosigkeit abrutschen, ohne dass sie das wollen. Die Videos und Fotos von StrassenBLUES zeigen das. Um dies weiterhin emotional und bildhaft zu transportieren, hat sich der Verein mit einer Spende aus dem Zweckertrag des Haspa LotterieSparens neues Kameraequipment angeschafft.

“Zu einem sinnerfüllten Leben gehört für mich auch, dass man sich für seine Mitmenschen einsetzt.”

Nikolas Migut
Nikolas Migut, Gründer und 1. Vorsitzender von StrassenBLUES.

Ehrenamtliches Engagement macht glücklich

Hauptberuflich arbeitet Nikolas Migut als Videojournalist und hat zwei kleine Töchter. Wie schafft man es, ehrenamtlich so viele Projekte auf die Beine zu stellen und zu vermarkten – neben Beruf und Familie? Ohne die enorme Unterstützung seiner Frau, Milena, wäre das gar nicht möglich, erzählt er. Sie ist zweiter Vorstand im Verein und aktiv dabei. Aber auch seine 6-jährige Tochter hat schon den Entschluss gefasst: Wenn sie groß ist, steigt sie mit ein.

Nikolas Migut ist sich sicher, dass es zu einem sinnerfüllten Leben dazu gehört, sich auch für seine Mitmenschen einzusetzen. „Dieses Ehrenamt gibt einem so viel zurück. Und spätestens, wenn man sein Leben mit 90 Jahren Revue passieren lässt, kommt doch die Frage auf, hast du es sinnvoll verwendet?“ Dazu passt das Motto des Vereins: „StrassenBLUES verändert dich“. Das meint, dass sich nicht nur Obdachlose verändern, sondern auch die, die helfen. Etwas idealistisch. Aber Idealisten verändern die Welt – dafür arbeitet Nikolas Migut als Ehrenamtlicher und als Mensch.

Fotos: StrassenBLUES / David Diwiak

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr von dem Autor

Ähnliche Artikel

Letzte Beiträge

Aufatmen mit Breeze Technologies

Wer sich für eine bessere Luftqualität einsetzen will, braucht gute Messdaten. Die liefert ein Start-up aus Rothenburgsort. Eine Erfolgsgeschichte "Made in Hamburg".

Urlaubshelden gesucht

Wohin mit den Münzen und Scheinen anderer Währungen nach dem Urlaub? Aufbewahren, Zurückwechseln? Vielleicht mal bedürftigen Kindern damit eine Auszeit spendieren.

kiekmo – die App für das Leben im Kiez

Was ist los im Kiez? Wo trifft sich die Nachbarschaft? Und wie soll man bei ebay etwas verkaufen, wenn man nie zuhause ist?