Tijen Onaran: “Diversität ist ein Wettbewerbsvorteil”

Diversity-Expertin Tijen Onaran hat auf dem Online-Event des internen Netzwerks wo*men@haspa zum Thema Vielfalt von ihren Erfahrungen berichtet. In ihrem Impulsvortrag verrät die Unternehmerin, welche zwei Perspektiven es für echte Diversität in Unternehmen braucht und warum fehlende Vielfalt ein klarer Wettbewerbsnachteil ist.

Diversität ist ein Thema, das nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch wirtschaftlich von großer Relevanz ist. Das interne Diversity-Netzwerk wo*men@haspa hat deshalb ein Event für seine Kolleg:innen auf die Beine gestellt, um die Facetten von Vielfalt zu diskutieren und interessante Perspektiven für die Haspa abzuleiten. Dafür haben sie sich eine ganz besondere Expertin zur Unterstützung geholt: Tijen Onaran. Denn wer sich mit dem Thema Vielfalt in Unternehmen beschäftigt, kommt an dieser Frau nicht vorbei. Sie ist Bestseller-Autorin, Unternehmerin, Investorin und berät Organisationen in Diversitätsfragen. Laut Handelsblatt-Ranking gehört sie zu den 100 Top-Frauen, die Deutschland voranbringen. Mit viel Herzblut setzt sie sich dafür ein, die Wirtschaftswelt diverser zu gestalten, Frauen zu stärken und eingerostete Unternehmenskulturen einen Anstoß zu geben. „Diversität und Vielfalt sind ein Fakt in unserer Gesellschaft, aber Inklusion oder dieselben Chancen leider nicht“, sagt die Diversity-Befürworterin.

Unterschiedlichkeit macht Teams erfolgreicher

Für Tijen Onaran ist klar, dass Diversität jedes Unternehmen besser macht. „Zahlreiche Studien zeigen, dass diverse Teams erfolgreicher, kreativer und auch krisenresistenter sind“, so die 36-Jährige. Dies müsse in den Köpfen der Unternehmenslenker:innen ankommen, denn Diversität ist für Onaran ein Wettbewerbsvorteil. Schon allein weil vielfältige Teams auch im Sinne ihrer Kund:innen denken: „Wenn ich als Unternehmen eine agile Zielgruppe habe, muss ich mir doch überlegen, was diese Zielgruppe eigentlich will. Da müssen bei der Entwicklung der Produkte verschiedene Leute am Tisch sitzen.“ Marketing allein reiche laut Tijen Onaran nicht. Die Ideen von diversen Teams sollten auch in die Produkte einfließen. Und ein diverses Team zeichne sich nicht nur durch eine ausgewogene Geschlechterverteilung aus. Auch in anderen Dimensionen wie Alter, Nationalität, Migrationshintergrund oder sexuelle Orientierung sollten sich Teammitglieder unterscheiden, damit neue Aspekte auf den Tisch kommen.

Damit sich speziell Frauen selbst empowern, hat Onaran zunächst Bekannte aus ihrem Umfeld miteinander vernetzt. Sie ist überzeugt, dass Frauen das Thema Netzwerk und Sichtbarkeit selbst in der Hand haben. Aus diesem Netzwerk ist schließlich ihr internationales Unternehmen „Global Digital Women“ entstanden. Über viele Jahre konnte die Netzwerk-Expertin so viele Einblicke rund um Diversität, Geschlechtervielfalt und auch in andere Dimensionen von Vielfalt gewinnen. Zwei Perspektiven seien für sie in diesem Zusammenhang besonders spannend: die Organisationsperspektive und die individuelle Perspektive. 

Organisationsperspektive

Möchten Unternehmen Vielfalt in den eigenen Reihen fördern, sollten sie dies strategisch angehen. Tijen Onaran warnt vor falschem Aktivismus. Dieser könne zu Aktionismus führen – und Reaktionen aus Aktionismus führen meistens am Ziel vorbei. „Aus der Defensive tue ich dann nur irgendetwas, was man vorzeigen kann.“ Auch nicht gut durchdachte Frauennetzwerke oder Mentoringprogramme sieht sie eher hinderlich. „Wenn Unternehmen diverser werden wollen, braucht es zunächst mal eine Zahlen-Daten-Fakten-Grundlage, wie bei jedem anderen unternehmensrelevanten Thema auch. Guckt euch den Status quo an, messt ihn und überlegt, wie ihr Erfolg bewertet“, empfiehlt die Powerfrau in ihrer Keynote. Die Mitarbeiter:innen sind hier der Schlüssel. Ihnen müsse man kluge Fragen stellen, um eine gute Grundlage zu erhalten. „Ist es in deinem Unternehmen divers? Hast du die gleichen Chancen wie deine Kolleg:innen, um aufzusteigen? Und was muss getan werden, damit du dich zugehörig fühlst?“ Durch diese Abfrage erhalte man einen guten Einblick in die Unternehmenskultur einer Organisation. 

Wenn der Status quo nicht ermittelt wird, sehen sich Unternehmen laut der Netzwerkerin mit folgendem Problem konfrontiert: „Dann bleibt es bei anekdotischen Evidenzen.“ Das bedeutet, ich persönlich habe vielleicht das Gefühl, dass etwas falsch läuft. Was ist aber, wenn jemand anderes diese Meinung überhaupt nicht teilt? Welche Wahrheit ist dann korrekt? Eine Datengrundlage bringt hier Licht ins Dunkel. Auf diesem Fundament könne ein Schlachtplan entwickelt, eine Vision festgelegt und schließlich Zielkennzahlen aufgesetzt werden. Tijen Onaran hat hierbei die Erfahrung gesammelt, dass sich in genau den Unternehmen etwas ändert, die zum Beispiel Boni an das Erreichen von Zielen der Diversity koppeln. Und noch einen Tipp hat sie parat: „Diversität muss genauso relevant sein wie jedes andere Innovationsthema auch.“ Um dies ehrlich anzugehen, sollten laut Tijen Onaran aber die Kapazitäten hierfür stimmen. „Es gibt gut ausgestattete Innovationsabteilungen, beim Thema Diversity sieht das leider noch ganz anders aus.“

Individuelle Perspektive

Natürlich kann auch jede und jeder selbst aktiv werden und für mehr Vielfalt am Arbeitsplatz sorgen. Deshalb ist es für Tijen Onaran hilfreich, sich selbst zu fragen, was der eigene Beitrag ist. Dies kann im Kleinen anfangen, indem wir zum Beispiel auch leisere Menschen zu Wort kommen lassen oder Menschen eine Stimme geben, die keine haben. Interessant sei es auch, den Fokus auf das eigene Netzwerk zu legen. „Sind die Menschen, mit denen ihr verkehrt, von denen ihr euch Ratschläge holt divers?“, fragt Tijen Onaran in die Runde. Im eigenen Netzwerk seien nämlich häufig Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben, wie man selbst. Je diverser das persönliche Netzwerk aber ist, desto besser. Denn homogene Communitys haben laut der Berlinerin einen entscheidenden Schwachpunkt: „Keine Diversität führt zu einer Reproduktion von Fehlern.“ 

Natürlich ist es nicht so bequem, Menschen um sich zu haben, die einen challengen oder die eigene Perspektive infrage stellen. Das kenne Onaran als Unternehmerin selbst auch. Aber trotzdem sei es wichtig, diese Meinungen zu hören. „Denn das lockt uns raus aus unserer Komfortzone und lässt uns in die Reflexion kommen.“ Diversity heißt Meinungsvielfalt und Perspektivenvielfalt – und diverse Perspektiven sind wichtig für Unternehmen. Denn Tijen Onaran ist sich sicher: „Es lohnt sich, Diskussionen nicht aus dem Weg zu gehen. Das führt dazu, dass man wächst, nicht stehen bleibt und sich verändert.“ Dies sei für jeden Menschen persönlich wertvoll, aber eben auch für die Unternehmen selbst.

Was Tijen Onaran zum Thema unbewusste Vorurteile sagt, inwiefern Diversity für sie den Kulturwandel eines Unternehmens fördert und warum das Bashing von Männern nichts bringt, könnt ihr euch im folgenden Mitschnitt anhören.

Tijen Onarans Vortrag und im Anschluss ein paar spannende Zuschauerfragen – moderiert von Simone Naujoks, Leiterin Media Relations und interne Kommunikation bei der Haspa.

1 Kommentar

  1. Gute Statements von Tijen im Blogbeitrag auf den Punkt gebracht. Es geht immer darum, das Thema aus mehreren Perspektiven zu betrachten und die Organisationswahrheit und die des Einzelnen näher zusammenzuführen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Mehr von dem Autor

Ähnliche Artikel

Letzte Beiträge

Podcast: Auf der Bank mit … Haspa Pride

Nicole Schaening und Malte Brauer berichten von unserem LGBTQ-Netzwerk "Haspa Pride"

Zu Gast im si:cast-Podcast

Im si:cast-Podcast über die Zukunft von Kommunikation, Change Management und Organisationsentwicklung berichten wir vom aktuellen Stand unseres Kulturwandels.

Tijen Onaran: “Diversität ist ein Wettbewerbsvorteil”

Diversity-Expertin Tijen Onaran ist beim Netzwerk "wo*men@haspa" zu Gast und berichtet über echte Diversität im Unternehmen und Vielfalt als Wettbewerbsvorteil.