Insekten-Paradiese mitten in der Großstadt

Gegen aufgedrehte Siebtklässler helfen Krimis nach Feierabend. Gegen Einsamkeit in der Großstadt hilft Gärtnern. Zwar ist sie alles andere als einsam, aber Franziska Schultz weiß: Gärtnern verbindet. Die 44-Jährige ist Lehrerin und Gründerin von „Buntes Band Eimsbüttel“. Eine Initiative, die sich um öffentliche Grünflächen im Bezirk kümmert – ob an U-Bahnhöfen, in Parks, am Straßenrand oder auf Verkehrsinseln.

Keine akkuraten Beete, sondern Flächen, die auf den ersten Blick ziemlich verwildert aussehen. Ein Paradies für Bienen, Wespen und andere Insekten. Schon vor zehn Jahren übernahm Franziska ihre erste Grünpatenschaft. Sie rief beim Bezirksamt an und fragte, ob sie eine Unkraut-Fläche in ihrer Straße bepflanzen dürfe. Sie durfte und testete, welche Pflanzen am besten funktionieren. Franziska empfiehlt Felsen-Storchschnabel, wilden Oregano und Glockenblumen. Von Gemüse rät sie ab – weil der Boden häufig durch Autos mit Schwermetallen verseucht ist. Und wegen der Hunde, die gerne ihr Geschäft in den Grünflächen verrichten.

Hummeln, Wildbienen und andere Insekten tummeln sich in den Beeten der Initiative.

Aktuell hat die Lehrerin neun Patenschaften. Und kümmert sich um die Initiative, die sie im Mai 2019 mit anderen Naturbegeisterten gründete. Den Startschuss für das Projekt machte die Grünfläche am Schlump. Mit ihren Mitstreitern befreite Franziska das Beet von Rasen. Am nächsten Tag sollte gepflanzt werden. „Doch da hatten die Bienen und Wespen die Fläche schon in Besitz genommen. Sie bauten ihre Höhlen und wir konnten an diesen Stellen gar nicht pflanzen. Das war irre schön“, sagt Franziska voller Begeisterung.

Mittlerweile kümmern sich 120 Mitglieder der Initiative, die Teil des Vereins „Naturgarten“ ist, um 40 Flächen – von einem bis 500 Quadratmetern. „Unser Ziel ist es, Lebensräume für Insekten, insbesondere Wildbienen, zu schaffen.“ Schwerpunkt der Arbeit sei der Boden, da etwa 70 Prozent der Wildbienen dort leben. Dabei spielt der Flugradius der Tiere eine entscheidende Rolle. „Hundert Meter sind für sie schon eine lange Strecke. Deshalb sollten möglichst alle 500 Meter Blühflächen sein.“

Franziska Schultz (44), Grünpatin der Grünfläche am Schlump

Der ehrenamtlichen Gärtnerin ist klar, dass man mit ein paar Blühwiesen nicht die Welt retten kann. „Aber man kann
die Stadt ein Stück lebenswerter machen für Pflanzen, Tiere und Menschen. Wir alle gestalten die nachhaltige Stadt der Zukunft mit – und für mich gehören Blumen, Bienensummen und Schmetterlinge einfach dazu.“ Und auch für einen selber würde die Arbeit viel bringen. Insbesondere für Menschen, die Kontakt zu anderen suchen. „Das ist der Hammer, was man da an positiver Resonanz bekommt.“


Bevor sie mit dem Gärtnern anfing, kannte Franziska kaum einen Nachbarn. Mittlerweile kann sie nicht mehr unerkannt durch den Stadtteil laufen. „Alte Damen erzählen mir ihre Lebensgeschichten. Eine zeigte mir, wo sie im Krieg mit ihrer Schwester im Bunker verschüttet war.“ Einmal sprach sie ein Mann im Supermarkt an. Dafür, dass sie sich um die Beete kümmert, wollte er ihr ein Geschenk machen. „Er verriet mir das geheime Kuchen-Familienrezept.“ Im ersten Moment ein bisschen skurril, aber eigentlich sehr nett. „Der Mann wollte mir einfach was zurückgeben.“ Etwas zurückgeben. An
die Natur.

Darum geht es auch Franziska. Schon als kleines Kind war Nachhaltigkeit für sie ein Thema. „Meine Eltern gehörten zu den frühen Ökos. Ich war nur froh, als meine Mutter ihre Grünkernphase überstanden hatte“, sagt Franziska lachend. Für sie war klar: Sie möchte sich im Alltag für Nachhaltigkeit einsetzen. In der Stadt seien viele Menschen naturfern. „Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in großen Städten. Und Hamburg ist eine sehr reiche Stadt. Wenn wir es hier nicht schaffen, Naturschutz zu betreiben, wer dann?“

Mit ein paar Blühwiesen kann man die Welt nicht retten, aber die Stadt lebenswerter machen.

Franziska Schultz


Franziska ärgert sich, dass das Thema Klima und Artenschutz nach wie vor von vielen Menschen zu wenig gesehen wird. „Architekten und Ingenieure müssten direkt in der Ausbildung lernen, wie sie Häuser und Infrastruktur so gestalten können, dass Pflanzen und Tiere bedacht werden.” Für sie steht fest: Es muss noch viel passieren.

Ein mobiler Infostand für’s „Bunte Band“

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung. Das „Bunte Band Eimsbüttel“ wünscht sich einen Fahrradanhänger, der sich zum Info-Stand umbauen lässt. Um Interessierte bei Aktionen informieren zu können. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung mit Fördermitteln aus dem „Haspa LotterieSparen“.


Die Haspa Siemersplatz wird Filialpate. „Die Idee ist super und sollte noch bekannter werden“, so Filialleiter Mathias Saß. „Ein mobiler Info-Stand ist auf jeden Fall eine sinnvolle Anschaffung, die wir gerne unterstützen.“

Von WIEBKE BROMBERG (Text)
und FLORIAN QUANDT (Fotos)

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