Flutkatastrophe: Verbundenheit und Unterstützung kennt keine Kilometer

In den Straßen hängt noch immer ein beißender Geruch. Müllcontainer, Abfallberge und Schutt prägen das Bild der knapp 2.100 Einwohner großen Gemeinde. Die Menschensind dabei, die Spuren der Flutkatastrophe zu beseitigen. Ein Fass ohne Boden. Das Dorf Metternich im Kreis Euskirchen im äußersten Süden von Nordrhein-Westfalen ist einer von vielen Orten, der von Wassermassen überrollt wurde. Innerhalb von Minuten entwickelte sich aus dem kleinen Bachnamens Swist, der sich normalerweise idyllisch durch das Dorf mit den vielen kleinen Fachwerkhäusern zieht, ein reißender Fluss. In der Spitze der Katastrophe erreichte der sonst wenige Zentimeter flache Wasserlauf einen Pegelstand von über vier Metern. Die Flut zerstörte einen Großteil der Häuser des Ortes. Viele Einwohner sind betroffen. Einer von ihnen ist Udo Becker, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Euskirchen.

Glück im Unglück

Der Metternicher wurde nachts gegen vier Uhr von der Gewalt des Wassers überrascht. Sein Nachbar, bereits bis zu den Knien versunken, hämmerte an die Scheibe und warnte: „Du musst weg, eine Flutwelle kommt!“ Plötzlich ging alles ganz schnell. Innerhalb von Sekunden stieg das Wasser im Erdgeschoss an. Udo Becker, dessen Frau und Tochter sich glücklicherweise im sicheren Österreich befanden, versuchte vergebens ein paar Habseligkeiten aus dem Erdgeschoss zu retten und flüchtete sich schließlich auf eine Anhöhe seines Grundstücks. Er hatte Glück im Unglück. So wie dieEinwohner von Metternich, denn sie sind alle mit dem Leben davongekommen. Gerade noch rechtzeitig befreite die örtliche Feuerwehr 15 Menschen aus ihren Häusern, bevor der reißende Strom eine Flucht unmöglich machte.

Die Wassermassen verschwanden und gaben den Blick frei auf das Ausmaß der Zerstörung. „Viele Nachbarn haben kein Dach mehr über dem Kopf, ihnen ist nicht mehr als ein Koffer geblieben“, erzählt der 56-Jährige. Bei all diesem Leid konnte Udo Becker nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Zusammen mit sechs Freunden aus dem Dorf gründete er den gemeinnützigen Verein „Metternich Hilft e.V.“. Der Verein ist langfristig ausgerichtet, selbstlos tätig und möchte den geschädigten Menschen nicht nur jetzt nach der Flutkatastrophe helfen, sondern auch in Zukunft als verlässliche Unterstützung vor Ort da sein. „Wir kennen den Ort und die Menschen ganz genau“, sagt der hilfsbereite Sparkassenmitarbeiter. „Wir sorgen dafür, dass die Spenden da ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden und die größte Not lindern.“ 

Udo Becker

Generell sei die Solidarität im Ort sehr groß. „Viele Menschentun ihr Bestes, um zu helfen. Durch das Bereitstellen von warmen Mahlzeiten, finanzieller Unterstützung oder durch helfende Hände“, erzählt Udo Becker. „Dieses Wir-Gefühl, diese Momente des Verbundenseins geben in dieser schwierigen Zeit Halt.“ Vor einigen Tagen habe er solch einen Moment erlebt: Zwei kleine Mädchen durchstreiften mit einem Bollerwagen die Nachbarschaft. Der Wagen war gefüllt mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Die Mädchen und ihre Familie seien glücklicherweise nicht betroffen, deshalb wollten sie helfen und verteilen Kleinigkeiten an ihre Nachbarn. „Das war herzzerreißend“, erinnert sich der Vorstandsvorsitzende.

Viele Beratungscenter sind zerstört

Diese Momente brauche es, um wieder aufzutanken, neue Energie zu schöpfen. Denn die Flutkatastrophe habe nicht nur das private Leben von Udo Becker aus den Angeln gehoben,auch in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender derKreissparkasse Euskirchen ist er gefordert. Denn die Sparkasse gehört zu den Häusern, die von der Flutkatastrophe besonders hart getroffen wurde. Von 15 Beratungscentern sind sechs so stark beschädigt, dass sie kernsaniert werden müssen. 

Noch schlimmer wiegen aber die persönlichen Schicksale seiner Kolleg:innen. „Rund 20 der etwa 400 Mitarbeiter:innenhaben durch die Flut ihr Zuhause verloren. Zum Glück ist derZusammenhalt in unserer Organisation unglaublich groß. Wir lernen in dieser Notsituation, was wir gemeinsam leisten können.“ Trotzdem viele Mitarbeitende selbst betroffen sind, haben sie mit angepackt, um die überfluteten Beratungscenter wieder aufzuräumen – sogar in freiwilliger Samstagsarbeit. Darüber hinaus hat die Sparkasse auch schnell gehandelt, um ihre Region und die Menschen, die dort leben, zu unterstützen. So wurden Soforthilfen und Sonderkreditprogramme aufgesetzt. Das zeigt einmal mehr, wie verbunden die Sparkassen mit ihrer Region sind.

Haspa ermöglicht Betroffenen eine Auszeit

Auch Verbundpartner und andere Sparkassen aus Deutschland bieten Hilfe an und engagieren sich stark vor Ort. So hat die Haspa die stark betroffenen Kolleg:innen der Kreissparkasse Euskirchen mit ihren Familien im Oktober für eine Woche nach Hamburg eingeladen. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, sich zu erholen und neu aufzuladen. Gleichzeitig möchte die Haspa gern für diesen Zeitraum Menschen aus deneigenen Reihen schicken, die der Kreissparkasse Euskirchen unterstützend zur Seite stehen.  „Das ist mehr als eine Geste. Das ist konkret und zeigt, dass Verbundenheit und Unterstützung keine Kilometer kennt“, sagt Udo Becker und lächelt tapfer. „Diese Solidarität untereinander macht unsereSparkassenfamilie aus.“

Wie man in solchen Zeiten den Mut nicht verliert? Udo Becker hält einen Augenblick inne: „Positives Denken ist sehr wichtig, Kontakt zu anderen und Humor. Humor hilft, Abstand von negativen Gefühlen zu gewinnen.“ Der Metternicher hat in den letzten Wochen auch viel über sich selbst gelernt. Vor dieser Zeit betrachtete er Glück und Sicherheit eher als selbstverständlich. Die Flutkatastrophe hat ihm einmal mehr gezeigt, was wirklich wichtig ist im Leben: Zwischenmenschlichkeit und die richtigen Werte. „Dies ist nicht in Geld aufzuwiegen. Man sollte selber bereit sein, bedingungslos zu geben, damit einem diese Menschlichkeitauch selbst widerfährt.“ 

Wer den kleinen Ort durch den Verein „Metternich Hilft e.V.“ direkt unterstützen möchte, kann auf deren Homepage direkt spenden. Der kleine Ort freut sich über jede Hilfe. Der Verein ist bereits eingetragen und man erwartet in Kürze die Bestätigung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt.

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