Einsatz im Katastrophengebiet

Die Opfer und Schäden in den Flutgebieten haben eine Welle der Hilfsbereitschaft hervorgerufen. Auf eine der schlimmsten Katastrophen folgte großes Mitgefühl und tatkräftige Unterstützung. Viele ehrenamtliche Menschen engagieren sich vor Ort. Einen Helfer aus Hamburg stellen wir heute vor: Dennis Otte. Er ist ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam, welches durch das Deutsche Rote Kreuz über Spenden finanziert wird. In den zerstörten Gebieten leistete er seelische Erste Hilfe. Ein Gespräch über seine Erlebnisse und was er sich für die Zukunft wünscht.

Dennis, hauptberuflich leitest du für die Haspa den Bereich Gewerbekunden in Alster-West. Ehrenamtlich bist du Teil des Hamburger Kriseninterventionsteams und wurdest in die Flutgebiete im Raum Ahrweiler gerufen. Fünf Tage warst du im Einsatz. Nun wurdest du abgelöst. Magst du uns einen Einblick geben, wie die aktuelle Lage vor Ort ist?

DENNIS OTTE: So was habe ich noch nie erlebt. Ganze Dorfteile sind verschwunden, Häuser weggerissen. Wohnmobile und Wrackteile hingen in Bäumen, Bagger in den Flussbetten. Überall Berge von Schutt, Müll und teils beißender Gestank. Mittendrin Menschen, die weinen oder versuchen, mit Spaten gegen das Chaos anzukommen. Wir sind eine Woche nach Beginn der Flutkatastrophe in den zerstörten Gebieten eingetroffen und mussten in bestimmte Einsatzorte immer noch mit dem Hubschrauber fliegen, weil die Dörfer nach wie vor über die Landwege nicht passierbar sind. Das Ausmaß der Zerstörung übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Viele stehen vor dem Nichts.

Eure Gruppe besteht aus ehrenamtlichen Helfern. Ein Teil eures Teams ist noch vor Ort. Was sind eure Aufgaben?

Wir sind für die psychosoziale Notfallversorgung da. Das kann man als Erste Hilfe für die Seele bezeichnen. Wir gehen auf Betroffene zu und versuchen dabei zu helfen, die schrecklichen Erlebnisse zu realisieren und die seelischen Schmerzen zu bewältigen. Bei Katastrophen mit hohen Opferanzahlen kommt es zu vielen schwierigen Situationen – etwa wenn es um die Identifizierung von Verstorbenen in den „Leichenstraßen“ geht. Es ist wichtig, dass in diesen Momenten Hilfe da ist. Auch den THW haben wir unterstützt, indem wir Anwohner informierten, wenn Häuser nicht mehr zu retten waren und abgerissen werden mussten. Die menschlichen Schicksale gehen sehr zu Herzen.

Was können Menschen tun, die helfen möchten?

Vor allem braucht es jetzt Geldspenden. Es ist großartig, dass schon so viele Institutionen, Unternehmen und Personen durch ihre Spende Hilfe vor Ort möglich machen. Die Not ist aber so groß, dass auch weitere Spenden willkommen sind. Man rechnet ja mit ungefähr 50.000 Betroffenen. Da wird sehr, sehr viel Geld benötigt. Weitere Hilfe von außen ist also unabdingbar. Es herrscht nach wie vor viel Verzweiflung. Die Bewältigung wird Jahre dauern.

Du bist nun seit ein paar Tagen wieder zurück in Hamburg. Wie kommst du selbst mit den tragischen Eindrücken zurecht?

Es gibt natürlich Einsatznachbesprechungen mit dem Team, um das Erlebte begreifbar und besprechbar zu machen. Mir geht es aber gut damit, weil unsere Hilfe gebraucht und auch angenommen wurde. Wir hatten das Gefühl, dass unsere Arbeit den Menschen ein stückweit geholfen hat. Genau das macht unser Ehrenamt auch so erfüllend – trotz aller Schrecklichkeit. Außerdem wusste ich ja, dass ich zu meiner Familie nach Hamburg zurückfahre. Dies ist bei all dem Leid mein Anker gewesen. Ich bin auch sehr dankbar für meine beiden Chefs und mein Team. Sie haben mir während meines Einsatzes in der Haspa ganz selbstverständlich den Rücken freigehalten. Ich habe aber zum Beispiel in den Flutgebieten auch einen Feuerwehrmann kennengelernt, dem einfach gekündigt wurde. Sein Chef stellte ihn vor die Wahl: vor Ort helfen oder zur Firma kommen. Der Feuerwehrmann hatte selbst alles verloren und nur versucht, Menschen zu retten. Wie man jemanden in dieser Situation auch noch kündigen kann – da fehlen mir die Worte.

Wie hast du sonst die Hilfsbereitschaft untereinander erlebt?

Bei all dem Leid gab es immer wieder auch Momente der Zuversicht. Menschen haben sich zusammengetan und gemeinsam die Häuser geräumt. Wenn sie mit dem einen fertig waren, gingen sie zum nächsten Haus. Das hat mich sehr bewegt. Beeindruckt hat mich auch, wie viele Hilfskräfte aus ganz Deutschland angereist sind, um mit anzupacken. In der Spitze waren wir fast 4.500 Leute und in einer Zeltstadt am Nürburgring stationiert. Das alles bringt natürlich kein verlorenes Menschenleben zurück, aber es ist ein Zeichen der Hoffnung und Mitmenschlichkeit. Ich wünsche mir, dass aus dieser Solidarität zukünftig auch wieder ein größeres Interesse nach ehrenamtlichem Engagement wächst. Die Flutkatastrophe hat gezeigt, wie wichtig ehrenamtliche Helfer:innen für unsere Gesellschaft sind.

Innerhalb der Haspa gibt es viele Mitarbeiter:innen, die sich neben Arbeit und Familie ehrenamtlich betätigen. Um ihren wertvollen Einsatz zu unterstützen, vergibt die Haspa jedes Jahr an zehn Kolleg:innen einen Ehrenamtspreis, der mit 1.000 Euro für die jeweilige Einrichtung dotiert ist. Sucht das Kriseninterventionsteam noch ehrenamtliche Unterstützung?

Auch ich habe diesen Preis schon erhalten und bin darüber dankbar. Ich finde, der Ehrenamtspreis ist eine schöne Anerkennung. Dieses Engagement ist typisch für uns als Sparkasse. Wir sind Teil der Stadt, Teil der Nachbarschaft. Deshalb ist es selbstverständlich, dass wir uns für solche Dinge engagieren. Die finanzielle Unterstützung konnten wir damals im Kriseninterventionsteam gut gebrauchen, schließlich sind wir komplett aus Spenden finanziert. Der Preis ist auch sinnvoll, um ehrenamtliche Tätigkeiten bekannter zu machen und mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Beim Kriseninterventionsteam benötigen wir auch regelmäßig neue Kräfte. Wer Interesse und Lust hat, darf sich gern bei mir melden oder auf unsere Homepage schauen.

Wie bist du damals zu deinem Ehrenamt gekommen und was braucht es dafür?

Ich bin seit circa sechs Jahren dabei. Ich war auf der Suche nach einem Ehrenamt, weil ich im Leben Glück gehabt habe und etwas zurückgeben wollte. Ich habe mir dann verschiedene Optionen angeguckt und bin nach einem Infoabend beim Kriseninterventionsteam eingestiegen. Man sollte zuhören können, ein ruhiges Gemüt haben und sich gut abgrenzen können. Seit drei Jahren bin ich zusätzlich für die Finanzen zuständig, was gut zu mir passt. Natürlich kann das auch mit meinem Hauptberuf zu tun haben (grinst).

Lieber Dennis, die Helfer:innen vor Ort verdienen tiefsten Respekt. Vielen Dank, für dein Engagement und das Gespräch!

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