Wenn Müll zu neuem Leben verhilft

Bei Nutzmüll bekommen nicht nur alte Sachen eine zweite Chance – auch Menschen

Unsicher lächelt die Frau mit dem blonden Pagenschnitt und der Brille in die Kamera. Sie lehnt sich an eine Werkbank – als suche sie ein wenig Halt. „Oh je, ich bin nicht gut im fotografiert werden“, sagt Anja Dietz (58) lachend. Im Mittelpunkt stehen – das ist nicht ihr Ding. Sie hält sich lieber im Hintergrund. Dabei ist ihre Arbeit für viele von großer Bedeutung. Anja
ist Bereichsleiterin und die gute Seele bei Nutzmüll e.V. – ein Verein, der sich um Ressourcenschutz und Müllervermeidung kümmert. Und in dem Menschen Erfüllung finden, die sich schon längst aufgegeben hatten.

Das abgewetzte Sofa. Die aussortierten Klamotten. Das alte Fahrrad. Für viele ist es bloß noch Müll. Für Anja und ihre Kollegen jedoch die Grundlage ihrer Arbeit. Sie arbeiten die gespendeten Sachen in mehreren Werkstätten auf oder stellen daraus Neues her – wie Taschen oder Kleidung aus alten Stoffen.

HASPA und MOPO suchen die “Bessermacher”: Hier: Anja Dietz von “Nutzmüll”

Gegen kleines Geld werden die Sachen in zwei Läden an der Boschstraße (Bahrenfeld) und Am Stadtrand (Wandsbek) verkauft. Auch Reparaturen bietet der Verein an. Seit 1984, als Nachhaltigkeit längst noch nicht in aller Munde war, verhilft Nutzmüll alten Sachen zu neuem Leben. „Im Laufe der Zeit kam der soziale Gedanke hinzu. Es wurden Menschen beschäftigt, die den Anschluss verloren haben. Ihnen Halt und Struktur zu geben, war unser Ziel.“ Und ist es noch heute.

Bei Nutzmüll habe ich etwas gefunden, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es gesucht habe.

Anja Dietz

Aktuell arbeiten 70 Ein-Euro-Jobber bei Nutzmüll. Und seit Februar zusätzlich 50 festangestellte Langzeitarbeitslose in den Werkstätten. Viele haben gleich ein ganzes Paket an Problemen. „Schulden, Sucht, psychische Probleme. Wir haben eigentlich alles hier. Manche haben sich komplett aufgegeben“, sagt Anja, die seit 19 Jahren für den Verein arbeitet. Ihre Stimme klingt bedrückt, aber nicht hoffnungslos. Schließlich weiß die Frau genau: Der Weg ist nicht einfach. Aber gemeinsam finden sie einen.

Anja Dietz (58) in einer der Werkstätten. Sie ist die gute Seele bei Nutzmüll. Ihr vertrauen sich die Mitarbeiter an. So wird „ Nutzmüll “ geholfen Verein wünscht sich eine Industrienähmaschine

Die Bereichsleiterin, die sich selber als „Mädchen für alles“ bezeichnet, ist nicht nur für das administrative Geschäft zu ständig. Sie kümmert sich auch um die „Teilnehmenden“, wie sie sie nennt, und vermittelt weiterführende Hilfen zu Schuldnerberatungen, Suchthilfe-Einrichtungen und Psychologen. Ihnen das Gefühl geben, wertvoll zu sein.

Nicht alleine. Etwas schaffen zu können. Das liegt ihr am Herzen. Die Teilnehmer zu unterstützen, ist nicht immer leicht für Anja. Viele vertrauen der Frau ihr Innerstes an. „Manchmal nehme ich die Probleme mit nach Hause. Ich kann das nicht immer professionell betrachten.“ Insbesondere das Schicksal eines Teilnehmers traf sie schwer. Anja schießen die Tränen in die Augen, als sie von dem mittlerweile verstorbenen Mitarbeiter berichtet. Der Job bei Nutzmüll war seine Leidenschaft.

Seine Freude. Sein Leben. Auch als er schwer krank wurde, wollte er den Ein-Euro-Job auf keinen Fall aufgeben. Hin und wieder musste er ins Krankenhaus. „Einmal kam er ins Büro und bat mich, ob er mich als Kontakt für Notfälle angeben könne“, sagt Anja mit gebrochener Stimme. Nach der Frage hätte sie erst mal weggehen und sich ausheulen müssen. Das habe ihr gezeigt, welch große Bedeutung der Verein für die Menschen hat. „Nutzmüll ist häufig alles, was sie an sozialen Kontakten haben.“ Anja schüttelt den Kopf – als wolle sie das Erlebte vertreiben. Sie denkt nicht gerne an die schlimmen Momente.

Viel lieber erinnert sie sich an die schönen, die auch viel zahlreicher sind. Sie berichtet von einer Teilnehmerin, die jeden Tag zu ihr ins Büro kam. Völlig aufgelöst. „Sie weinte immer und sagte, dass sie das hier nicht schaffe. Obwohl die Anforderungen sehr gering sind.“ Anja sprach ihr gut zu. Baute sie auf. Nach drei Jahren war die Maßnahme beendet. Und aus der Verzweifelten eine selbstbewusste Frau geworden. „Das macht mich stolz. Wenn die Teilnehmer den Glauben an sich selbst wiederfinden“, sagt die Single-Frau, die mit einer Freundin in einer Art „Senioren-WG“ in Lohbrügge wohnt.

Dass sie mal solche Erfüllung in sozialer Arbeit finden würde, hätte die Bereichsleiterin nie gedacht. Die Eltern hatten ein Taxiunternehmen, der Vater arbeitete zusätzlich als Postbote. Die fünfköpfige Familie zu versorgen, stand im Vordergrund. Malochen. Tagein. Tagaus. Nach der Schule studierte Anja Jura, schmiss dann aber hin. Danach machte sie eine Ausbildung zur Programmiererin.

Anderen Menschen helfen – das war ganz weit weg. Anja glaubt, dass die Oma des Musikers Jan Delay für ihr Engagement verantwortlich ist. „Sie war meine Klassenlehrerin in der Grundschule. Eine ganz tolle Frau“, sagt die 58-Jährige, die sich noch in zwei Vereinen engagiert – bei „Mehrblick“, die alte Brille aufarbeiten und an Obdachlose spenden und bei „Der Hafen hilft“. Ein Verein, der Sachspenden vermittelt. Ihr Herz gehört jedoch Nutzmüll. „Hier habe ich etwas gefunden, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es gesucht habe.“

So wird „ Nutzmüll “ geholfen

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung.

„Nutzmüll“ wünscht sich eine Industrienähmaschine mit der zum Beispiel aus alten Lasterplanen Taschen genäht werden. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung mit Fördermitteln aus dem „Haspa LotterieSparen“. Schon jetzt nutzt der Verein die Nachbarschafts-Filialen der Haspa für Aktionen. „Die Produkte liegen in den Schaufenstern. Dazu gibt es Informations- und Verkaufsveranstaltungen“, sagt Randolf Lengler, Filialleiter der Haspa Wandsbek und sichert zu: „Auch für dieses Jahr ist schon einiges geplant.“

Von WIEBKE BROMBERG (Text)
und FLORIAN QUANDT (Fotos)

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