Aus dem Leben eines Geldautomaten.

5:30 Uhr. Die ersten Fahrräder werden aus den Hinterhöfen geschoben. Hier und da ein Jogger. Die Bäckerei auf der anderen Straßenseite macht sich bereit für den täglichen Kaffee und Franzbrötchenansturm am Morgen. Viele Hamburger putzen sich jetzt oder später die Zähne. Mich bürstet ein Straßenfeger auf vier Rädern, der Putz-Wagen der Stadtreinigung.  Spätestens danach laufen meine 350 Hamburger Kollegen und ich auf Hochtouren. Die Hamburger wollen Geld für Fahrkarten oder Frühstück und ein paar Münzen Kleingeld für den Obdachlosen vor der Tür. Und ich gebe ihnen so viel sie brauchen. Oder haben.

© Angelina Bürth

Zwischen Tradition und Moderne

Stets routiniert und zuverlässig frage ich nach Karte, Pin und Betrag. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich nicht auch richtig trendy kann. Mit Stückelung nach Wunsch, Kontostandabfrage und language switch wird Individualität zum Buzzword der Stunde und bei mir so richtig großgeschrieben. Und ich kann Netzwerken wie ein Großer. 24.0000 Automaten in der gesamten Bundesrepublik zähle ich zu meinen Freunden. Alle bieten meinen Kund*innen Geld abheben zum Freundschaftsdienst.

Ein Job voller Emotionen

© Angelina Bürth

Jeder wird bei mir gleichbehandelt. Ich werde gleichbehandelt – solange, bis ich meinem Gegenüber seinen Kontostand offenbare. Dann werde ich zum Requisit und mein städtischer Vorplatz zur Freilichtbühne. Gut läuft’s für mich, wenn es für meinen Besucher*in gut läuft. Läuft’s richtig gut, gibt’s sogar ein Küsschen auf den Monitor. Wer mag mir da mein Plädoyer für mehr positive Überraschungen in den Konten meiner Kund*innen verübeln?!

Manch anderer hofft, dass der ausgereizte Dispo durch hingebungsvolle Streichel- und Massageeinheiten meinerseits doch noch einmal mit sich reden lässt. Mir ist’s recht.

Meine vielen Kratzer und Dellen bezeugen die Schattenseite meines Daseins. Man sagt, ich sei nicht schnell genug oder man verstehe mich nicht. Alles Ausreden, wenn man mich mal fragen würde. Die Schläge mit der flachen Hand oder gleich mit der gesamten Faust, manchmal auch ein Fußtritt sprechen jedenfalls für sich. Getreu dem Motto „Sprengen ist das neue Rauben“ ging es 2018 bundesweit über 350 meiner Kolleg*innen besonders schlimm an den Kragen. Totalschaden die traurige Diagnose. Endstation Vorruhestand.

Ungewollt Mittäter

Wir anderen machen trotzdem weiter, sagen immer höflich Bitte und bedanken uns für jeden Besuch, selbst dann, wenn uns gar nicht zum Danken zu Mute ist.

© Angelina Bürth

Viel zu häufig werde ich stiller Komplize kleinerer und größerer krimineller Machenschaften. Ausgesprochen unvorsichtig demontierte man mir zum Beispiel einmal meinen Sichtschutz, um infolgedessen vor allem älteren Menschen bei ihren Bankgeschäften über die Schulter schauen zu können. In Gaunerkreisen wohl eher die alte Schule. Heute sind kleine Ausspäh-Kameras oder manipulierte Karteneinzüge der neueste Shit. Wie auch immer, ein nettes Gespräch im Anschluss und dann heißt’s adè Geldkarte! Ein anderes Mal verklebte man mir den Geldausgabeschacht. Das Geld konnte weder rein, noch raus. Widerstand zwecklos. Kunde drückt, Kunde rüttelt, Kunde schlägt, diskutiert mit meiner Fehlermeldung und setzt dann zum Rückzug an. Freie Bahn für die Gauner. Au Revoir Moneten!

Und wer glaubt krimineller geht es nicht, der hat noch nie eine Nacht mit meinem Freund von der Reeperbahn verbracht. Die Schlangen vor ihm sind lang und hochprozentig durstig. Nicht jeder kommt in guter Absicht. Da macht sich einer an den anderen ran, hebt ihn hoch und gröhlt: Wetten ich weiß wie viel du wiegst?! Weiß er nicht, aber dafür danach die Ausstattung seines Geldbeutels.

Also meine lieben Männer und Frauen, die ihr tagtäglich meine Dienste in Anspruch nehmt, bleibt wachsam, diskret und hinterfragend und besucht mich stets mit Vorsicht. Leicht machen ich’s den Kleinganoven aber auch nicht. Zusätzliche Überwachungsanlagen hier, ein neues Sicherheitssystem da und ständig diese vielen Updates. Gemeinsam mit eurem wachsamen Blick bleibt unser kurzes Intermezzo so dauerhaft ein wunderbar aufregendes Erlebnis.

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